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Der Weg der Weizer Pfingstvision von 1989 bis 1999
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Weizer Pfarrkonzil
Konziliare Prozesse zur Erneuerung der Kirche
 


Am 8. Dezember 1965 ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende. Am 3. Dezember 1995 wurde das 1. Weizer Pfarrkonzil beendet. 30 Jahre nach dem Konzil wurde auf Pfarrebene der Geist des Konzils, der ein Geist des Aufbruchs war, wieder spürbar. Als pilgerndes Volk Gottes haben sich in Weiz an die 100 ChristInnen auf den Weg gemacht.

Inhaltlich ging es bei diesem Pfarrkonzil um drei Vorgänge:

* eine Visionsfindung für die Pfarre
* eine Vernetzung der Gemeindemitglieder
* konkrete Schritte zur Umsetzung der entwickelten Vision


Die Visionsfindung geschah auf dem Hintergrund der Weizer Pfingstvision. Dieser ist es eigen, für die Erneuerung der Kirche einen offensiven mystisch-politisch-geschwisterlichen Akzent einzubringen. Diesen Anliegen hat sich auch im Pfarrkonzil fortgesetzt.

Beim Pfarrkonzil handelt es sich um einen geistlichen Vorgang, der offen für Neues ist. So wurde das Pfarrkonzil von sehr vielen (die auch ganz bewußt darum gebeten wurden) intensiv mit ihrem Gebet begleitet, Zentrum war der gemeinsame Gottesdienst. Aus dieser Mitte erwuchs die Kraft, notwendige menschenentfesselnde Schritte (so die Weizer Übersetzung von Politik) anzugehen. Die innerkirchlich-strukturellen Fragen wurden streng aus dem Blick der pfarrlichen Notwendigkeiten heraus formuliert.

Die Vorbereitungen hatten schon ein Jahr vorher begonnen, nachdem der Pfarrgemeinderat einstimming beschlossen hatte, ein solchen Konzil abzuhalten.

Der Pfarrgemeinderat und alle Hauptamtlichen (Dechant, zwei Kapläne, zwei Diakone, Pastoralassistent) nahmen am Konzil teil. Darüber hinaus wurde eine offene Einladung an alle getauften und gefirmten KatholikInnen der Pfarre ausgesprochen. Bedingung zur Teilnahme war eine schriftliche Anmeldung.

Wichtig war, daß die ganze Pfarre beim Konzil vertreten war. Jung und Alt, Progressiv und Konservativ, Akademiker und Hilfsarbeit, etc. Genau diese Spannung war dann äußerst fruchtbringend für den Verlauf. Um so bemerkenswerter ist es, daß beinahe alle Abstimmungen einstimmig erfolgt sind (mit höchstens vier Stimmenthaltungen, nur bei einer Abstimmung gab es eine Gegenstimme).

Für die TeilnehmerInnen wurde es konkret erfahrbar, daß Kirche Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott, wie für die Einheit der ganzen Menschheit sein kann (vgl. LG 1).

 
Ablauf des Treffens


freitags

18.30 - 19.00 Singen

19.00 Einstimmung
Begrüßung
Lied - Zwei Jungen gingen
Evangelium Lk., 24, 13-35
Bildmeditation zum Evangelium
Gemeinsames Gebet zum Hl. Geist
Segen
Lied - Herr erwecke Deine Kirche

Kennenlernen und Erfahrungsaustausch
Einführung zum Gruppengespräch

Kurzes Vorstellen im Gruppengespräch

was motiviert mich beim Pfarrkonzil mitzumachen?
wo bin ich frustriert in meiner pfarrlichen Arbeit?
was gibt mir Hoffnung?

21.15 Sammelphase im Konzilsaal
Die Gruppenleiter bringen
die wichtigsten Ergebnisse aus den Gesprächen ins Plenum ein.

21.30 Abendlob

Anschließend treffen sich die GruppenleiterInnen, um die wichtigsten Themen zu bündeln und das weitere Programm gegebenenfalls anzupassen.

samstags

9.00 Laudes

9.30 Meine Sehnsucht - unsere Träume von Kirche
In Kleingruppen

Jeder überlegt sich einzeln:

In welcher Kirche von morgen möchte ich leben?
Von wo weg, wohin?

Das wird schriftlich formuliert

In der Gruppe werden schriftlich "Visionsbausteine"
formuliert, auf einen Zettel ein Baustein

11.30 Präsentation der Visionsbausteine im Plenum
Jede Gruppe stellt ihre Visionsbausteine vor.
Es gibt nur Verständnisfragen, keine inhaltliche Diskussion.

12.00 Mittagessen
Ein kleines Team (oder die GruppenleiterInnen) faßt die Visionsbausteine zusammen und ordnet sie der Weizer Pfingstvision zu oder fügt sie als eigenständige Visionen hinzu. Diese Visionen werden auf Plakate geschrieben (gedruckt) und im Raum an die Wände verteilt.
Anhand dieser Plaktate erfolgt dann die Gruppeneinteilung am Nachmittag

14.00 Wege zur Umsetzung in der Pfarre
Lied: Herr erwecke Deine Kirche Die einzelnen Visionen werden kurz vorgestellt. Es finden sich neue Kleingruppen um die einzelnen Visionen In den Kleingruppen In der Gruppe sollen ein bis höchstens drei ganz konkrete Schritte der Umsetzung gefunden werden. Es darf kein Ideenkatalog werden, den andere ausführen müssen. Konkret: Wer ist verantwortlich? Wie ist die Idee überprüfbar? Bis wann soll die Idee realisiert sein? Jede Gruppe bereitet Plakate mit ihren Ideen vor

16.00 Pause

17.00 Vorstellung der Ergebnisse und "Bepunktung"
Die konkreten Vorschläge werden von Gruppensprechern vorgestellt. Es gibt nur Verständnisfragen, die mitgeschrieben werden. Jeder hat fünf Klebepunkte zu vergeben, um die Vorschläge nach der Wichtigkeit zu bewerten.

17.30 Beratung und Beschluß I
Die Vorschläge werden der Reihenfolge nach diskutiert (die Vorschläge mit den meisten Punkten als erste). Falls es notwendig ist, wird abgestimmt. Es genügt die einfache Mehrheit mit Handzeichen. Nur bei Fragen zu Personen wird geheim abgestimmt.

19.00 Abendessen

20.00 Beratung und Beschluß II

22.00 Schlußandacht

Anschließend fast ein kleines Team die Beratungen und Beschlüsse zu einem Konzilsbericht zusammen.

sonntags

Abschließende Beratung und Gottesdienstvorbereitung
Kleingruppen bereiten Teile des Gottesdienstes vor:
Konzilsbericht, Bußakt, Lesung, Fürbitten, Dank, etc.

10.00 Eucharistiefeier der Pfarrgemeinde und Konzilsbericht

 
Ergebnisse des 1. Weizer Pfarrkonzils


Zehn Schritte der Erneuerung für die Pfarre Weiz

1. Oase für die MitarbeiterInnen
Für die vielen MitarbeiterInnen wird ein Treffpunkt geschaffen, wo sie ihren Wurzeln in Gott nachspüren und geistig auftanken können.

2. Netze der Solidarität
In unserer Pfarre gibt es viele Alleingelassene - Kranke, Alte, Trauernde, Zugezogene, "Austrittswillige", Ausgetretene, Behinderte, etc. Es gibt auch Leute, die mit offenen Augen Netze der Aufmerksamkeit geknüpft haben. Diese Netze wollen wir verdichten.

3. Zeichen der Solidarität
Als Ausdruck der Solidarität mit einem bei uns lebenden Kurden wird ein offener Brief an den Innenminister geschickt.

Das 1. Weizer Pfarrkonzil unterstreicht die Notwendigkeit einer den christlichen Grundsätzen entsprechenden Begegnung mit Ausländern. Menschen, die sich an unser Land um Hilfe und Aufnahme wenden und die aufgrund der menschenunwürdigen Verhältnisse in ihrem Heimatland kaum die Möglichkeit haben zurückzukehren, sollten in Österreich rasch aufgenommen werden.

Das 1. Weizer Pfarrkonzil solidarisiert sich - als Ausdruck dieser Haltung - ausdrücklich mit dem bei uns lebenden türkischen Kurden Ali Budak. Im Gegensatz zu seinen Familienangehörigen wurde er nicht als Asylant anerkannt. Ali Budak gehört dem sunnitischen Zweig des islamischen Glaubens an.

Er hat Anschluß in der Pfarre Weiz gefunden.

4. Diakone
In unserer Pfarre, der größten in der Steiermark, gibt es sehr große soziale Herausforderungen. Neben den vielen frauen und Männern, die sich dieser Aufgabe stellen, brauchen wir dringend auch amtlich beauftragte Diakone. Daher suchen wir Kandidaten für dieses Amt. Bis Weihnachten besteht die Möglichkeit, neue Kandidaten vorzuschlagen.

5. Diakoninnen
Da sich in unserer Pfarre einige Frauen stark sozial engagieren und es für die Diakonie in unserer Gemeinde sehr wichtig wäre, äußern die TeilnehmerInnen des 1. Weizer Pfarrkonzils den Wunsch, Frauen zu Diakoninnen zu weihen. Diesen Wunsch werden wir der Diözesanleitung vorlegen.

6. Vir Probatus
In unserer Pfarre gibt es eine Teilgemeinde, die beim heutigen Priestermangel in absehbarer Zeit nur mehr sehr schwer einen Priester bekommen wird. Das 1. Weizer Pfarrkonzil schlägt deshalb einen verheirateten Mann, der sich seit langem in der pastoralen Arbeit der Pfarre bewährt hat, zur Priesterweihe vor.

7. Mitsprache bei Bestellung von hauptamtlichen MitarbeiterInnen
Wir möchten bei wichtigen Personalentscheidungen für unsere Pfarre von Anfang an in den Entscheidungsprozeß eingebunden werden. In einem Gespräch mit der Diözesanleitung sollen konkrete Wege dazu gesucht werden.

8. Predigterlaubnis für Laien
Das 1. Weizer Pfarrkonzil trägt an den Bischof den Wunsch heran, daß der Pfarrgemeinderat unter dem Vorsitz des Pfarrers dazu ermächtigt wird, geeigneten Personen das Predigen zu erlauben.

9. Lebendige Gottesdienste
Der Liturgiekreis wird folgende Anliegen weiterbearbeiten: - Architektonische Umgestaltung des Altarraumes - Gestaltungselemente für Kinder - Bearbeitung liturgischer Texte, etc.

10. Vortrags- und Gesprächsreihe
Das Katholische Bildungswerk wird unter dem Thema "Steine des Anstoßes" Veranstaltungen zu kontroversiellen Themen anbieten.

 
Brief von Bischof Weber


Graz, am 3. Januar 1996

Grüß Gott!

Am heutigen Tag wurde mir offiziell das Ergebnis der "Weizer Pfingstvision" und des "1. Weizer Pfarrkonzils" übergeben.
Ich weiß, daß dahinter eine große mehrjährige Bemühung steht. Besonders denke ich an die verschiedenen Treffen von Jugendlichen und Erwachsenen jeweils zu Pfingsten. Gerade durch sie wurden Hoffnung auf eine gute Zukunft und Liebe zur konkreten Kirche für viele Katholiken erfahrbar.
Dafür danke ich sehr herzlich.

In unserer Kirche bewegt sich sehr viel. Es gibt Phantasie, Wegsuche und auch Ungeduld. Sie ist oft berechtigt, oft wird sie schmerzlich gespürt.
Aber wir sollen darauf vertrauen, daß wir vom Geist Gottes geführt werden. Mitunter finden wir keine rasche Antwort auf brennende Fragen. Aber auch das kann uns helfen, vor Oberflächlichkeit bewahrt zu bleiben und daß wir "den Wurzeln in Gott" (1. Weizer Pfarrkonzil) nachspüren. Das ist Aufgabe aller, dafür müssen wir voneinander lernen.
Manche Vorschläge berühren die ganze Weltkirche, etwa die Lebensform der Priester. Hier können wir nicht in einer Pfarre, einer Diözese, einem Land einen Sonderweg gehen.
Wohl aber ist es ein Anstoß, daß wir mutig neue Wege der Seelsorge suchen, die aus der Berufung aller Getauften kommen.
Vor allem bin ich dankbar, daß wir immer eine Gemeinsamkeit des gegenseitigen Vertrauens hatten und es so weiter halten werden.
Nicht Unzufriedenheit und Enttäuschung sollen das letze Wort sein, sondern das Miteinander zu einer erneuerten Kirche.

Gott behüte sie alle.


Ihr Bischof Johann Weber


 
Konziliare Treffen

Die Konziliaren Treffen sind entstanden, als es nach dem Weizer Pfarrkonzil aus ganz Östereich Anfragen gab, diese Erfahrungen weiterzugeben.
Unter der Mitarbeit des Wiener Pastoraltheologen Prof. DDr. Paul M. Zulehner findet jedes Jahr ein solches Treffen statt, zu dem ChristInnen aus ganz Österreich nach Weiz kommen.

1996: Erfahrungen aus dem Weizer Pfarrkonzil
Das erste Konziliare Treffen im März 1996 sollte dazu dienen, die TeilnehmerInnen in den Vorgang des Weizer Pfarrkonzils einzuführen, und damit zu befähigen, ähnliche Prozesse zu initiieren. Zu diesem Zweck wurden dieselben Schritte wie beim Pfarrkonzil gegangen - nur eben mit über 70 Teilnehmern aus ganz Österreich. Dabei ging es um Visionen und konkrete Reformschritte für Pfarren und Gemeinden in Österreich. Das Treffen endete mit dem Wunsch, ähnliche Treffen alljährlich anzuhalten und als offene ökumenische Prozesse mit einer Schwerpunktsetzung fortzuführen. Inhaltlich ergaben sich folgende Themen:

* die Not-Wendigkeit, daß Christen mündig und verantwortlich werden und sich aus Gottes-verwurzelung heraus politisch engagieren.
* Ökumene darf kein "Sonderthema" sein, sondern ist Grundlage aller pastoralen Arbeit.

1997: Pfarrananlyse
Paul M. Zulehner stellte im 2. Konziliaren Treffen in Weiz ein neu entwickeltes Arbeitsinstrument zur Pfarranalyse vor, das vor Ort mittels Computer erprobt und ausgewertet wurde. Im Anschluß an das Ergebnis des Vorjahres wurde die Pfarre/Gemeinde als Ort der Solidarität in den Mittelpunkt der Überlegungen gerückt: Pfarrgemeinde wird dort als Ort der Solidarität erlebt, wo Menschen sich dafür stark machen, daß möglichst viele Menschen Zugang zu Lebenschancen haben. Es geht darum, daß wir aus dem Bannkreis der Angst übersiedeln in den felsenfesten Glauben, der erst echt gelebte Solidarität möglich macht.

1998: "Stunde 2 nach der Wende"
Die Konziliaren Treffen entwickeln sich zu einer Art "Zukunftswerkstatt" der Kirche. Auffallend ist die Entwicklung, daß von den 100 TeilnehmerInnen des Treffens die überwiegende Mehrzahl Laien waren. Priester und hauptamtliche Laien, an die sich zuerst unsere Einladung gerichtet hatte, blieben in der Minderheit. Ist das ein Zeichen dafür, daß die Kraft zum Aufbruch von Laien kommt? Ist die Frustration und innere Isolation bei vielen hauptamtlichen MitarbeiterInnen so groß, daß der Schwung von Außen kommen muß?
Zum Treffen kamen auch Gäste aus Deutschland, Polen und Kroatien. Es waren viele kreative ChristInnen, die sich heuer in Weiz getroffen haben, Musiker, ein Märchenerzähler, eine Autorin...
Kirchenreform beginnt bei der Wurzel. Wenn Menschen aus einer urpersönlichen Gotteserfahrung heraus leben, dann geschieht Aufbruch.
Josef Fischer berührte viele mit seiner einfachen, bilderreichen Sprache. Einfach sein Leben leben. Bei sich sein, nicht neben sich. Wesentlich werden können. Kirche als ein Ort, wo mein Leben vorkommen darf, wo man nicht nur oberflächlich miteinander verkehrt.
Diese Alltagsmystik wurde in sehr persönlichen Gruppengesprächen eingeübt.
Das Treffen fand mitten in den innerkirchlichen Wirren der Causa Groer, etc statt. Güther Nenning hatte spontan zugesagt zum Kamingespräch nach Weiz zu kommen. Dieser Abend zeigte, wie in einem Brennspiegel die momentane Situation der Kirche.
Paul Michael Zulehner prägte den Begriff von der "Stunde 2 nach der Wende". Es gehe jetzt darum nach der Erklärung der 4 Bischöfe zur Causa Groer den Aufbruch bewußt zu gestalten.
Günther Nenning provozierte herauszukommen aus diesen innerkirchlichen Unwichtigkeiten. Es gebe viel Wichtigeres. Die Ungerechtigkeit in der Welt. Ein kühnes soziales Projekt könnte uns weiterhelfen.
Das verletzte manche. Über gewisse Verwundungen kann man nicht so einfach hinweggehen. Ein zweifacher Weg scheint angesagt: Heilung nach Innen und Aufbruch nach Außen. Dieser Aufbruch kommt aber sicher nicht durch schöne, moralische Appelle zustande, sondern durch handfeste Projekte. Der Delegiertentag in Salzburg bietet eine große Chance, wenn zum Schluß evaluierbare Projekte des Aufbruchs stehen.

1999: Liturgie als Gottesgefahr
Zum vierten Mal lud die Pfarre Weiz zu einer kirchlichen Zukunftswerkstatt ein. Der Grazer Liturgiewissenschaftler Philipp Harnoncourt und der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner gingen den Fragen nach, wie unsere Gottesdienste zu Kraftquellen werden und mehr Lebendigkeit ausstrahlen können.

Woran liegt es, dass Gottesdienste oft als kraft- und leblose Veranstaltungen zur Erfüllung der Sonntagspflicht erlebt werden, aber nicht als Feiern des Lebens? Rund 70 Teilnehmer aus ganz Österreich, zum überwiegenden Teil Frauen, überlegten gemeinsam, wie eine Kirche von morgen Gottesdienst feiern kann.
Der Weg Philipp Harnoncourts führte von innen nach außen. Der entscheidende Punkt ist, ob die Liturgie eine Heilserfahrung vermitteln kann. Am Beispiel der Emausjünger deutet Harnoncourt die Lebenserfahrung von Menschen, die sich auf Jesus eingelassen haben, die miteinander unterwegs sind, als Weg vom Unheil zum Heil. Liturgie drück immer eine Bewegung aus und erfordere die innere Bereitschaft, sich wandeln zu lassen. "Wir begehen Feiern und besitzen sie nicht." Harnoncourt habe auch "in vorkonziliarer Liturgie tiefe Heilserfahrung erlebt, in mit großer Akribie zusammengestrickten Gottesdiensten aber auch schon mehr Krampf als Heil."
Feiern heißt für ihn, ein Heilsereignis nicht von der Vergangenheit verschlucken zu lassen, sondern mit ihm gleichzeitig zu werden im Bedenken und Bedanken, weil es den Tod überwindet. Der Auferstandene werde verewigt und darin der ganzen Geschichte präsent. "Vergangenes wird bedacht, weil es Zukunft erschließt". Feiern ist Zustimmung zum Leben.
Eine Gefahr sieht Harnoncourt darin, "wenn jemand glaubt, in der Liturgie schon alles zu finden". Der Prüfstand, ob unsere Liturgie taugt, sei die Barmherzigkeit, die Bewährung von Christsein im Alltag.
Paul Zulehner betrachtet Liturgie als einen Ort, sich der Gottesgefahr auszusetzen. Es sei riskant, hinzugehen und sich mit Gott einzulassen. In der Rede von Gott zeigt er drei Gefahren auf: die Verlieblichung, die Verdrohlichung, und die Vernützlichkeit Gottes. Von Johann B. Metz kommt die provokante Frage, ob wir Gott nicht verbürgerlicht haben, aus einem unpassenden Gott einen uns passenden Gott gemacht haben, der niemanden mehr stört? "Den Gott, der umstandslos zu unseren Wünschen und Träumen passt, gibt es nicht." Diese Haltung führe zu einer Wellness-Spiritualität. Sich ändern zu lassen, wäre das Unwahrscheinlichere.
Einen Ausweg zeigt Zulehner darin, jenseits von Verdrohlichung und Verlieblichung eine Erfahrung des wirklichen Gottes zu suchen, in die Gottesschule Jesu zu gehen. Kirche von morgen soll die Solidargemeinschaft der Gottessuchenden sein. Die gesamte Liturgie steuere auf Wandlung hin, auf die Umgestaltung der Welt, darauf, "dass ich anders herauskomme, als ich hineingegangen bin." Kirche könne nicht als Gemeinschaft spirituell bedürftiger verstanden werden. Vielmehr brauche Gott die Menschen, um seine Schöpfung zu sanieren. "Eine Kirche, die nicht gezeichnet ist von der dienenden Hingabe an die Welt, ist nicht die gewandelte Kirche." Die Sanierung der Liturgie habe nur eine Chance, wenn wir uns zuerst nach unserem eigenen Gottesverhältnis fragen. Die zentrale Frage sei, ob ich selbst bereit bin, mich der Gefahr auszusetzen, von Gott verwandelt zu werden.

Alfred Jokesch

   
 
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