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Der Weg der Weizer Pfingstvision von 1989 bis 1999
- 10 Punkte der Weizer Pfingstvision
- Weizer Pfarrkonzil 1995
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Weiz ist überall:
DER WEG DER WEIZER PFINGSTVISION (1999)
von
Mag. Fery Berger
Mag. Johannes L. M. Schweighofer
 


I n h a l t

* I. Ein bislang zehnjähriger Weg
o Die Anfänge einer Vision
+ Die Anfänge einer Vision, Johnsdorf, Ostern 1988
+ Wir haben einen Traum, Pfingsten 1989
+ Günther Zgubic, Weizer Kaplan geht nach Brasilien

o Die Jugendtreffen
o Die Weizer Pfingstvision
o Das neue Pfarrzentrum am Weizberg
o Das Weizer Pfingstereignis
o Bewegung aber nicht "movimento"
o Wider ein idyllisches Bild

* II. Was läßt sich übertragen?
o Spirituelle Erfahrungsräume
+ Pastoralseminar in Weiz
+ Andere spirituelle Zugänge
o Netze der Solidarität
+ Christina lebt
+ Netz der Aufmerksamkeit
+ Netzwerk Solidarität
o Konziliare Prozesse
+ Weizer Pfarrkonzil
+ Konziliare Treffen

* III. Bausteine für eine neue Gestalt von Kirche
o Aufbruch geschieht aus der Kraft der Vision.
o Quelle des Aufbruchs sind spirituelle Erfahrungsräume.
o Quelle des Aufbruchs sind Netze der Solidarität
o Aufbrüche geschehen durch konziliare Prozesse
o Erneuerung geschieht in der Öffnung zur Welt
o Eine neue Gestalt von Kirche ereignet sich besonders als Sammlungsbewegung an den Rändern der Kirche.
o Es ist die Stunde der Laien, besonders die der Frauen.
o Es gilt Energien für etwas und nicht zuerst gegen etwas einzusetzen.
o Leitung geschieht zunehmend in offenen, prozessorientierten Teams.
o Aufbruch ist letztlich Geschenk.

* I. Ein bislang zehnjähriger Weg
o Die Anfänge einer Vision
+ Die Anfänge einer Vision, Johnsdorf, Ostern 1988
Zu Ostern 1988 fuhren 12 Jugendliche aus Weiz in das oststeirische Bildungshaus Johnsdorf zu Meditationstagen. Die Einladung dazu kam von Jugendleiter Fery Berger. Aus persönlichen Erfahrungen während eines längeren Indienaufenthaltes stammte seine Idee "Exerzitien für Jugendliche" zu erarbeiten. Was vor allem als Motivation für GruppenleiterInnen gedacht war, wurde zu einem intensiven, gemeinsamen Glaubenserlebnis. Aus dieser ersten Gruppe entstand eine Gemeinschaft, die im Kern bis heute besteht und versucht Leben und Glauben miteinander zu teilen. Die viertägigen Meditationstage zu Ostern fanden von da an jährlich statt und entwickelten sich zu einem ersten, wichtigen Grundstein der Jugendarbeit in Weiz.
+ Wir haben einen Traum, Pfingsten 1989
Bei einer Tagung über kirchliche Jugendarbeit in Salzburg entstand die Idee, in Weiz ein Jugendtreffen abzuhalten. Jugendliche planten ein Musical über Martin Luther King aufzuführen. Der damalige Diözesanjugendseelsorger Hans Schrei machte den Vorschlag, ein steirisches Jugendtreffen unter dem Motto "Wir haben einen Traum" dazu zu veranstalten. In einem intensiven Prozeß formulierten die 70 Mitwirkenden des Musicals ihre Visionen für Welt und Kirche. Die letzte Vision hieß: "Wir haben einen Traum von einem neuen Aufbruch in unserer Kirche. Wir haben einen Traum von Menschen, die Gott erfahren und Gemeinschaften bilden. Wir haben einen Traum von Christen, die das Dunkel in der Welt licht machen und die Botschaft von der Befreiung verwirklichen."
+ Günther Zgubic, Weizer Kaplan geht nach Brasilien

Zu den 12, die zum ersten Mal in Johnsdorf waren, gehörte auch der damalige Kaplan von Weiz, Günther Zgubic. Er entschloß sich als Priester nach Sao Paolo zu gehen. Zuerst leitete er dort eine Vorstadtpfarre. Dann lebte er einige Zeit auf der Straße mit den Ärmsten, bis er Gefängnisseelsorger in Sao Paolo wurde. In Weiz wurde seine Arbeit von der Solidaritätsgruppe Axé begleitet. Gerade in diesem Engagement kam es im Lauf der Jahre immer wieder zu starken Aufbruchserfahrungen. Vom Austausch Jugendlicher aus Sao Paolo und Weiz für ein halbes Jahr bis zu einer internationalen Kampagne gegen die Folter in den Gefängnissen Brasiliens, reichte die Zusammenarbeit. Politisches Engagement und Solidaritätsgruppen wie Axé, wurden zu einem weiteren wichtigen Grundstein der Arbeit mit Jugendlichen.
o Die Jugendtreffen
Was sich als Aufbruch in Weiz entwickelte, hat seine Wurzeln in der Jugendarbeit. Zum dritten Grundstein dieser Arbeit wurden die jährlich stattfindenden Jugendtreffen. 500 bis 1000 Menschen aus der ganzen Steiermark kamen jährlich zu Pfingsten nach Weiz. Wichtig war dabei das kreative, musische Element. Während dieser Zeit wurden drei Musicals selbst erarbeitet. Es entstand so ein eigenes Weizer Liedgut. Die Themen für die Treffen wurden zuerst vom Konziliaren Prozeß aus Basel übernommen, bis 1993 das Motto "Bau meine Kirche wieder auf!" im Mittelpunkt stand. Dazu wurde erstmals Prof. Paul M. Zulehner nach Weiz eingeladen, der von da an den Weizer Prozeß theologisch und freundschaftlich begleitete. Bischof Johann Weber diskutierte im Franziskussteinbruch mit den Jugendlichen über diese franziskanische Kirchenvision.
o Die Weizer Pfingstvision
1995 war "Je mystischer, desto geschwisterlicher" das Thema des Jugendtreffens. Kardinal König hatte zugesagt nach Weiz zu kommen. Genau in die Vorbereitungen des Treffens nahm die "Affäre Groer" ihren spektakulären Anfang. Man hörte erstmals von einem Kirchenvolksbegehren aus Tirol. In dieser aufgeladenen Situation wurde im Vorbereitungsteam des Pfingsttreffens die Idee geboren, eine Vision in Form von Selbstverpflichtungen zu formulieren. Wie möchten wir als ChristInnen leben, daß sich Kirche erneuern kann? Die Weizer Pfingstvision war geboren. Was zuerst als Grundlage für die TeilnehmerInnen des Treffens gedacht war, wurde über Nacht durch Medien bekannt. Die Weizer Pfingstvision wurde an alle Pfarren in Österreich versandt und von über 27000 Menschen unterschrieben.
o Das neue Pfarrzentrum am Weizberg
Im selben Jahr wurde mit dem Abschluß der Renovierung des Pfarrhofes ein großes pastorales Zentrum geschaffen. Von vielen mit einem Kloster verglichen, bot das neue Pfarrzentrum am Weizberg optimale Voraussetzungen um dem Gewachsenen Raum zu geben. Ein ganz neuer Schwerpunkt entwickelte sich. Der Weizberg wurde auch zu einem Kulturzentrum. Zur Eröffnung gab es eine Ausstellung unter dem Motto "Unbedingte Zeichen. Glaube und Moderne an der Schwelle" mit 50 bekannten KünstlerInnen. Inzwischen haben schon Künstler wie Siegfried Anzinger, Hannes Schwarz, Günter Waldorf oder Josef Fink im herrlichen Kellergewölbe des Pfarrzentrums ausgestellt. Mit der modernen Gestaltung der neuen Emanuelkapelle, einer Seitenkapelle der Weizbergkirche, durch die Künstler Schwarz, Rauchenberger und Eisenköck entstand ein ehrliches, überzeugendes Juwel zeitgenössischen Sakralbaus. Als Abschluß der Renovierung des Pfarrzentrums entschied der Pfarrgemeinderat auch die "innere Pfarrenovierung" nicht zu vergessen. Es wurde die Idee geboren, ein Pfarrkonzil in Weiz abzuhalten.
o Das Weizer Pfingstereignis
1993 fand in der Pfarre Weiz das erste Pastoralseminar statt. Dieser "Gemeinde-Glaubenskurs" wurde zu einem Schwerpunkt der pastoralen Arbeit und findet seitdem jedes Jahr statt. Dadurch kamen auch zunehmend Erwachsene zu den Jugendtreffen hinzu. Im Lauf der Jahre entstand so ein mehrtägiges Weizer Pfingstereignis. Den Mittelpunkt bildet am Pfingstsonntag das Weizer Pfingsttreffen. Ein eigenes Jugendprogramm, eine Vernissage und die Weizer Solidargespräche bilden die weiteren Schwerpunkte. Jedes Jahr wird eine Symphonie von Anton Bruckner aufgeführt. Die spirituelle Dimension und visionäre Kraft seiner Musik bereichert in besonderer Weise das Weizer Pfingstereignis.
o Bewegung aber nicht "movimento"
Ein wichtiges Prinzip in Weiz war es immer, daß keine exklusiven Gruppen innerhalb der Pfarre entstehen und die Pfarre so gespalten wird. Die Bewegung, die immer wieder spürbar wurde, sollte nicht in einen Verein oder irgendeine Gruppierung münden. Die Pfarre sollte bewußt der Ort der Bewegung bleiben. So ist die Struktur der Weizer Pfingstvision sehr schlank. Ein "Team Pfingstvision" zieht sich jährlich einmal zu einer Klausur zurück, um grundsätzlich den Prozeß zu reflektieren. Das Pfingstereignis wird in mehreren, prozeßorientierten, offenen Teams vorbereitet. Es gibt weder eine Mitgliedschaft, noch irgendwelche anderen speziellen Riten.
o Wider ein idyllisches Bild
Von einer Außensicht betrachtet, könnte man durchaus ein falsches Bild von der Pfarre Weiz bekommen. Neben dem hier erzählten, könnten im gleichen Atemzug Probleme genannt werden, die es überall sonst in der Kirche auch gibt. Volkskirchliche Strukturen bröckeln ab. An die 60 KatholikInnen verlassen jährlich die mit knapp 16.000 KatholikInnen größte Pfarre der Steiermark. Es gibt Spannungen und Konflikte. Ein Prozeß um eine neue Friedhofsordnung beschäftigte lange Zeit die regionalen Medien. Man kann Weiz auch nicht als die "Reformpfarre" bezeichnen. Lebendig ist jedoch die Erfahrung, daß es immer wieder mitten im Sterben einer alten Gestalt von Kirche anfanghaft Aufbruchserfahrungen gab. Die Frauen, die früh am morgen zum Grab gehen und dort Auferstehung erleben, mußten vorher durch die Hölle des Todes. Der Engel sagt ihnen, daß Jesus nach Galiläa vorausgegangen sei. Sie sollen den Jüngern ausrichten, daß sie aufbrechen und Jesus nach Galiläa nachgehen. Aufbruch ist eine Reaktion auf persönliche Todes und Auferstehungserfahrungen. Durch Brüche hindurch geschieht Aufbruch. Eine Bewegung entsteht, wenn sich viele solche Erfahrungen bündeln. Auch in der "Weizer Bewegung" gab es Brucherfahrungen, die im nachhinein betrachtet aber immer wichtige Entwicklungsschritte einleiteten.

* II. Was läßt sich übertragen?

Aus dem bis jetzt Geschilderten, stellt sich die Frage: "Ist das ein spezifisch Weizer Weg, oder lassen sich Erfahrungen auch woanders hin übertragen?" Es gibt kein "Weizer Modell", das eins zu eins übernommen werden könnte. Es gibt keinen Menschen, der quasi am Reißbrett den Weizer Weg entworfen hätte. Der Weg entstand beim Gehen. Wohl gibt es Erfahrungen in Sachen Aufbruch, die überall gemacht werden können und so auch übertragbar sind. Wenn man auf die zehn Jahre zurückschaut, so lassen sich drei Quellen ausfindig machen, aus denen heraus immer wieder Aufbrüche spürbar geworden sind. Es sind dies: Spirituelle Erfahrungsräume, Netze der Solidarität und Konziliare Prozesse.

o Spirituelle Erfahrungsräume
Kaum ein Zitat wird in der heutigen Kirchendiskussion öfter verwendet, als das von Karl Rahner: "Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht sein." Alles deutet darauf hin, daß wir uns in der Kirche in einer epochalen Übergangssituation befinden. Die persönliche, freie Entscheidung als ChristIn heute zu leben, wird immer wichtiger. Traditionen und katholische Sozialmilieus verlieren rapid an Bedeutung. Wie finden Menschen heute zu einer solchen bewußten Entscheidung? Glaube ist zuallererst Erfahrung. Fehlt diese Erfahrenheit, verkommt überlieferter Glaube und verdunstet nach und nach in unserer Kultur. Wo können heute Menschen Erfahrungen im Glauben machen? Wo gibt es Orte und Räume für eine urpersönliche Gotteserfahrung?. Es gilt, Menschen hinzuführen vor das Geheimnis, das ihr Leben im Grunde immer schon ist. Man kann Gotteserfahrung nicht machen. Aber man kann Situationen behutsam "inszenieren", in denen Gott nachgespürt werden kann. Es braucht eine Kundigkeit, Gott im eigenen Lebenshaus, in der eigenen Lebensgeschichte, aufzuspüren.
+ Pastoralseminar in Weiz
Das Pastoralseminar ist eine österreichweite Initiative, die von den Pastoralämtern der Diözesen ausging. Ähnlich dem Grundkurs gemeindlichen Glaubens sollte ein eigenes pastorales Instrument der Gemeindeentwicklung für Österreich entworfen werden. Dazu wurden aus ganz Österreich MentorInnen ausgebildet. In Weiz wurde zum ersten Mal 1993 ein solches Pastoralseminar abgehalten. Es hat sich inzwischen zu einem sehr wertvollen "Instrument des Aufbruchs" entwickelt. Acht Mal wurde es bis jetzt mit je 12-15 TeilnehmerInnen durchgeführt. Zu einem der Charakteristika des "Weizer Pastoralseminars" zählt, daß zunehmend auch Menschen, die eher außerhalb der Kirche stehen, dafür gewonnen werden können. Eine Sammlungsbewegung an den Rändern der Kirche wird immer stärker spürbar. Gerade von den TeilnehmerInnen an diesen Seminaren ging in den letzten Jahren Neues und Innovatives in der Pfarre aus.
# Ziel
Ziel des Pastoralseminars ist es, in einer kleinen Gemeinschaft die Sinne zu öffnen für die Spuren Gottes im eigenen Leben. In einem offenen Prozeß geht es darum, der je eigenen Berufung bewußt zu werden. Mit einem neuen Blick auf Kirche, sollen die eigenen Charismen entdeckt und auf die Gemeinde hin entfaltet werden.
# Inhalte
Es gibt keinen endgültig fixierten Themenkatalog. Das Pastoralseminar wird in einem Team gründlich reflektiert und entwickelt sich so Jahr für Jahr weiter. Trotzdem haben sich in den letzten Jahren folgende Themen als sehr wesentlich erwiesen:
* Sich Kennenlernen - "Die Schildkröte"
* Den aufrechten Gang lernen - "Die Moldau"
* Zeichen der Zeit
* Meine Glaubensgeschichte
* Christus - Begegnungen
* Situation der Kirche - Unsere Pfarre
* Unsere Vision von Kirche
* Meine Charismen
# Durchführung
In Weiz hat sich inzwischen ein Team von sieben MentorInnen gebildet. Jedes Pastoralseminar wird von zwei bis drei MentorInnen begleitet. Die Arbeit in einem Team ist für das Gelingen des Seminars außerordentlich wichtig. Zwischen jedem Seminar treffen sich die MentorInnen, um zu reflektieren und das nächste Treffen vorzubereiten. Eingeladen wird zum Pastoralseminar durch das Pfarrblatt. Besonders wichtig ist aber die persönliche Einladung durch die MentorInnen. Gerade dadurch können auch Menschen angesprochen werden, die nicht zum engeren Kreis der Pfarre gehören. Folgender zeitlicher Rahmen hat sich für das Seminar sehr bewährt. Es beginnt mit einem offenen Informationsabend und vier Abenden in der Pfarre. Dann gibt es ein verlängertes Wochenende in einem Bildungshaus. Wieder vier Abende in der Pfarre beschließen das Pastoralseminar. Als oberstes Prinzip für das Gelingen dieses Prozesses hat sich "wirkliche Freiheit" herausgestellt. Ab dem Zeitpunkt der Einladung bis zum Schluß besteht ein großer Freiraum. Die TeilnehmerInnen haben jederzeit die Möglichkeit, aus dem Prozeß wieder auszusteigen. Persönliche Freiheit ist für geistliche Vorgänge eine unabdingbare Voraussetzung.
+ Andere spirituelle Zugänge
Es gilt, in der heutigen Zeit alle Phantasie und Kreativität dafür aufzuwenden, in der Kirche Orte und Räume spiritueller Erfahrung neu aufzumachen. Der spirituelle Boom im "außerkirchlichen, freien Markt" zeugt von einem großen Bedürfnis vieler ZeitgenossInnen nach solchen Erfahrungen. In Weiz hat es in den letzten Jahren verschiedenste Formen und Versuche gegeben. Meditationstage für Jugendliche an vier Tagen in einem Bildungshaus haben sich als eine jugendgemäße Form sehr bewährt. Fahrten nach Assisi für Jugendliche und Erwachsene wurden ein weiterer Schwerpunkt. Eine Woche auf den Spuren des Franz von Assisi und der Heiligen Clara, wurde zu einem Gemeinschaftserlebnis mit prägenden Erfahrungen. Ein Hauptanliegen des Pfarrkonzils war es, eine Oase für MitarbeiterInnen zu schaffen. Nach mehreren Versuchen konnte dafür bis jetzt noch keine richtige Form gefunden werden. In letzter Zeit entstand eine Gruppe in der Fastenzeit, die Fasten aus einer spirituellen Dimension heraus praktiziert. Kleinere Gruppen machen im Sommer Exerzitien. Beim Pfingstereignis 1999 gab es zum ersten Mal eine spirituelle Nacht. Auch Exerzitien im Alltag sollen in Zukunft in Weiz abgehalten werden.

o Netze der Solidarität
Solidarität ist in unserer Gesellschaft zur Überlebensfrage geworden. Obwohl wir in Österreich zu den reichsten und sozial abgesichertsten Ländern der Erde gehören, kommen verstärkt große, soziale Herausforderungen auf uns zu. Man könnte die wichtigsten Fragen in den "Vier-A-Begriffen " Arbeit, Armut, Alt-Jung und Andere Welt zusammenfassen. Laut der von Paul M. Zulehner mitverfaßten Solidarcharta wird in Zukunft die Mesoebene in unserem Sozialwesen an Bedeutung gewinnen. Sozialstaat und Familie sind in vielem überfordert. Viele gesellschaftliche Institutionen befinden sich in einer Krise. Was es braucht sind Solidar-Netzwerke auf der mittleren Ebene. Dort kann Tendenzen der Individualisierung und Entsolidarisierung entgegengesteuert werden. Hier ist genau der Ort, wo sich eine Kirche der Zukunft wiederfinden muß. Überall dort, wo sie sich erlebbar auf der Seite der Schwachen unserer Gesellschaft befindet, kann Aufbruch geschehen.
+ Christina lebt
1991 bildeten sich in der Katholischen Jugend mehrere politische Arbeitskreise. Einer davon machte sich zum Ziel behinderten Menschen zu helfen. Konkret war es die 14-jährige Christina, die an den Rollstuhl gefesselt, keine Arbeit fand. Der Gruppe gelang es mit viel Mühe für sie eine Arbeitsstelle zu finden. Damit hatte ein Prozeß begonnen. Man merkte, daß vor allem Eltern, die rund um die Uhr ihr behindertes Kind pflegen müssen, enorm überbelastet sind. Man entdeckte, daß für die wirkliche Integration Behinderter in unsere Gesellschaft noch viel zu tun ist. 1994 war es soweit. Man gründete den Verein "Christina lebt". Ziel dieses Vereines ist die mobile Betreuung Behinderter, Familienentlastung und die Integration Behinderter in unsere Gesellschaft. Inzwischen arbeiten im Verein drei Behindertenpädagogen, eine Sekretärin und ein Zivildiener. Neben den Hauptamtlichen stellen auch 12 ehrenamtliche HelferInnen ihre Zeit für Betreuung zur Verfügung. 23 Personen werden vom Verein betreut. Da bis dato keine öffentlichen Gelder für die Finanzierung bereitstehen, muß "Christina lebt" pro Jahr 500.000S.- durch Benefizveranstaltungen, Basare und Spendenaktionen selbst aufbringen. Der Verein veranstaltet gemeinsame Gottesdienste, ein Integrationscafe, Urlaub am Meer, Feste und leitet eine integrierte Jugendgruppe. Soweit die äußeren Fakten. Das, was "Christina lebt" besonders auszeichnet, ist der Geist und der Idealismus, der dahinter steht. Hier ist an der Basis etwas gewachsen. Von ein paar wenigen Idealisten ist etwas ausgegangen, das in Weiz inzwischen weit über die Pfarre hinauswirkt. "Christina lebt" hat in der Öffentlichkeit einen sehr guten Ruf. Viele Gruppen werden von sich aus initiativ, um Benefizveranstaltungen und Spendenaktionen für "Christina lebt" zu organisieren. Sehr viele sind bereit in irgendeiner Weise einfach mitzuhelfen. Solidaritätsgruppen, wie "Christina lebt" sind in den letzten Jahren in Weiz mehrere entstanden. Wenn man sie näher analysiert, kann man folgende Entwicklung beobachten:
# Sie entstehen aus einer Not unserer Zeit heraus.
# Sie gehen aus von Menschen, die durch Erfahrung zu Betroffenen geworden sind und die eine Idee haben, etwas zu tun.
# Diese solidarisieren sich in einer Basisgruppe.
# Ein Prozeß beginnt.
Gemeinschaftserlebnisse werden geschaffen. Man analysiert die Situation und entwickelt ein gemeinsames Programm. Eine Struktur mit Leitung und Administration wird aufgebaut.
+ Netz der Aufmerksamkeit
Einer der wichtigsten Beschlüsse des Weizer Pfarrkonzils war das "Netz der Aufmerksamkeit". Für die vielen Kranken, Alten, Trauernden, Zugezogenen, Ausgetretenen, Behinderten, etc. sollte ein Netz geknüpft werden. Es entstand die Idee, für die ganze Pfarre MitarbeiterInnen zu suchen, die monatlich persönlich das Pfarrblatt von Haus zu Haus tragen. So sollte die Möglichkeit bestehen, persönlich mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen und auch aufmerksam zu werden für das Leid der Menschen. Mit großem Einsatz ist es in zwei Jahren gelungen 360 MitarbeiterInnen für diese Aufgabe zu gewinnen. Das Netz der Aufmerksamkeit wurde über die ganze Pfarre geknüpft. Jetzt gilt es diesem Netz inhaltliche Konturen zu geben.
+ Netzwerk Solidarität
Beim Pfingstereignis 1998 wurde das Netzwerk Solidarität gegründet. 18 Solidarinitiativen aus der Region Weiz/Gleisdorf haben sich zu einem Netzwerk zusammengefunden. Alle diese Initiativen sind in den letzten Jahrzehnten an der Basis entstanden. Sie engagieren sich in der Arbeit mit Behinderten, psychisch Kranken, Arbeitslosen, Gehörlosen, Sterbenden, Frauen, Kindern und Bauern. Diese Initiativen kommen aus dem kirchlichen und aus dem außerkirchlichen Bereich. Als Ziel hat man sich gesetzt, soziale Zukunftsthemen für die Region rechtzeitig zu thematisieren und Stimme der Schwachen zu sein. In einem intensiven, offenen Prozeß entschied man sich vier Projekte gemeinsam anzugehen. Es wird ein Weizer Solidargespräch zum Thema "Alt - Jung" geben. Man will einen "Sozialreader" für die Region herausgeben und eine Artikelserie über soziale Themen in einer regionalen Zeitung initiieren. Als gemeinsame Aktion wird es ein alternatives Integrationsfest geben. In Zeiten, in denen es sozial kälter wird, die Starken immer stärker werden, ist das Netzwerk Solidarität der Versuch entgegenzusteuern und eine Lobby der Schwachen zu bilden.

o Konziliare Prozesse
+ Weizer Pfarrkonzil
Am 8. Dezember 1965 ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende. Am 3. Dezember 1995 wurde das Erste Weizer Pfarrkonzil beendet. 30 Jahre nach dem Konzil wurde auf Pfarrebene der Geist des Konzils, der ein Geist des Aufbruchs war, wieder spürbar. Als pilgerndes Volk Gottes hatten sich in Weiz knapp 100 ChristInnen auf den Weg gemacht. Inhaltlich ging es bei diesem Pfarrkonzil um drei Vorgänge:
# eine Visionsfindung für die Pfarre
# eine Vernetzung der Gemeindemitglieder
# Entwicklung von konkreten Schritten zur Umsetzung der Vision
Die Visionsfindung geschah auf dem Hintergrund der Weizer Pfingstvision. Dieser ist es eigen, für die Erneuerung der Kirche einen offensiven, mystisch-politisch-geschwisterlichen Akzent einzubringen. Dieses Anliegen hat sich auch im Pfarrkonzil fortgesetzt. Beim Pfarrkonzil handelte es sich um einen geistlichen Vorgang. So wurde das Pfarrkonzil von sehr vielen (die ganz bewußt darum gebeten wurden) intensiv mit ihrem Gebet begleitet, Zentrum war der gemeinsame Gottesdienst. Aus dieser Mitte erwuchs die Kraft, notwendige solidarische Schritte anzugehen. Die Vorbereitungen hatten schon ein Jahr vorher begonnen, nachdem der Pfarrgemeinderat einstimmig beschlossen hatte, ein solches Konzil abzuhalten. Der Pfarrgemeinderat und alle Hauptamtlichen (Dechant, zwei Kapläne, zwei Diakone, Pastoralassistent) nahmen am Konzil teil. Darüber hinaus wurde eine offene Einladung an alle getauften und gefirmten KatholikInnen der Pfarre ausgesprochen. Bedingung zur Teilnahme war eine schriftliche Anmeldung. Wichtig war, daß "die ganze Pfarre" beim Konzil vertreten war. Jung und Alt, Progressiv und Konservativ; Akademiker und Hilfsarbeiter, etc. Genau diese Spannung war dann äußerst fruchtbringend für den Verlauf. Um so bemerkenswerter ist es, daß beinahe alle Abstimmungen einstimmig erfolgt sind (mit höchstens vier Stimmenthaltungen; nur einmal gab es eine Gegenstimme). Insgesamt zehn Punkte wurden beschlossen, die Maßstab werden sollten für die Weiterarbeit der Pfarre in den kommenden Jahren. Dabei wurden die innerkirchlich-strukturellen Fragen streng aus dem Blick der pfarrlichen Notwendigkeiten heraus formuliert. Bei einer Pfarrversammlung in Fortführung des Ersten Weizer Pfarrkonzils kristallisierte sich besonders ein Projekt als wichtiges Vorhaben der Pfarre heraus: Ein Netz der Aufmerksamkeit soll geknüpft werden.
+ Konziliare Treffen
Dieses Erste Weizer Pfarrkonzil war ein Anfang, dem pfarrübergreifende Konziliare Treffen in Weiz folgten. Paul M. Zulehner begleitete diese Treffen. Das Erste Konziliare Treffen 1996 sollte dazu dienen, die TeilnehmerInnen in den Vorgang des Weizer Pfarrkonzils einzuführen, und damit zu befähigen, ähnliche Prozesse zu initiieren. Zu diesem Zweck wurden dieselben Schritte wie beim Pfarrkonzil gegangen - nur eben mit über 70 TeilnehmerInnen aus ganz Österreich. Dabei ging es um Visionen und konkrete Reformschritte für Pfarren und Gemeinden in Österreich. Das Treffen endete mit dem Wunsch, ähnliche Treffen alljährlich abzuhalten und als offene, ökumenische Prozesse mit eigener Schwerpunktsetzung fortzuführen. 1997 bis 1999 fanden drei weitere Konziliare Treffen in Weiz statt. Die Themen dieser Treffen waren: Gemeinde als Ort der Solidarität; Pfarranalyse; Gotteserfahrung aus erster Hand "inszenieren" und Liturgie als Gottesgefahr - Wie werden unsere Gottesdienste zur Kraftquelle? Neben den inhaltlichen Schwerpunkten dienten die Treffen vor allem der österreichweiten Vernetzung von Kirchen-LiebhaberInnen und dem Erfahrungsaustausch.

* III. Bausteine für eine neue Gestalt von Kirche
o Aufbruch geschieht aus der Kraft der Vision.
Das Senfkorn ist das kleinste von allen Samenkörnern. Ist es aber gesät, wächst es höher als viele andere Gewächse. Wenn Geist und Motivation stimmen und wenn die Vision wahr ist, dann kann von ganz wenigen Großes ausgehen. Jeder Aufbruch ist letztlich ein Moment an der "Reich-Gottes-Bewegung" Jesu.
o Quelle des Aufbruchs sind spirituelle Erfahrungsräume.
Gott ist es, der seine Kirche baut. Die wichtigsten Bausteine sind Menschen, die Gott seiner Kirche hinzufügt. Dazu braucht es Gott-Erfahrene Menschen, Orte und Räume, wo Menschen auf die Spuren Gottes kommen können.
o Quelle des Aufbruchs sind Netze der Solidarität
Die Kirche muss sich, aus dem Evangelium heraus, leidenschaftlich auf die Seite der Schwachen in unserer Gesellschaft stellen. Dies erfordert konkretes, solidarisches Tun. Überall, wo es um die brennenden, sozialen Fragen der Zukunft geht, muss Kirche vor Ort sein.
o Aufbrüche geschehen durch konziliare Prozesse
Das hierarchische Prinzip in der Kirche muss mit dem konziliaren in Gleichklang kommen. Konziliare Prozesse auf allen Ebenen der Kirche sind die Methode, wie Kirche heute ihren Weg durch die Zeit finden kann.
o Erneuerung geschieht in der Öffnung zur Welt
In einem selbstbewussten Dialog mit der Welt geschieht Erneuerung. Der Umgang z. B. mit Medien oder die Auseinandersetzung mit moderner Kunst sind Zeichen von "aggiornamento". Das Zugehen auf die Welt ist ein wichtiges Prinzip.
o Eine neue Gestalt von Kirche ereignet sich besonders als Sammlungsbewegung an den Rändern der Kirche.
Es braucht neue Kräfte von Außen. Neues und Innovatives geschieht oft durch Menschen, die mit ihrem Blick von Außen Verfestigtes besser erkennen. So ist auch die Struktur der Pfarre der beste Garant dafür, den Blick immer auf alle gerichtet zu haben.
o Es ist die Stunde der Laien, besonders die der Frauen.
Der Übergang zu einer mündigen Kirche des Volkes verlangt den "wirklichen" Laien. Weder Klerus noch "beamtete" Laien werden dabei die entscheidende Rolle spielen. Laien, die mit ihrer Berufung mitten in der Welt stehen, werden zuallererst diese neue Gestalt prägen. Frauen waren die ersten Zeuginnen der Auferstehung. Sie brachten die Botschaft vom Aufbruch. Auch heute kommt die Kraft aufzubrechen stark von den Frauen.
o Es gilt Energien für etwas und nicht zuerst gegen etwas einzusetzen.
Eine tief greifende Reform der Kirche ist nur gemeinsam mit der Leitung möglich. Aus der Organisationsentwicklung wissen wir, dass grundlegende Reformen nicht an der Leitung vorbei geschehen können. Es gilt also zumindest einen Teil der Leitung dafür zu gewinnen.
o Leitung geschieht zunehmend in offenen, prozessorientierten Teams.
Je lebendiger Gemeinden werden, desto wichtiger wird gut wahrgenommene Leitung. Effizient und gut zu leiten heißt zunehmend in offenen Teams zu arbeiten. Eine solistisch-kirchliche Planwirtschaft von oben, ist nicht mehr zumutbar. Leitung besteht vor allem darin, Menschen mit ihren gottgegebenen Charismen zu finden, zu ermutigen und zu vernetzen.
o Aufbruch ist letztlich Geschenk.
Das Wesentliche ist nicht machbar. Gott schreibt oft auf krummen Zeilen gerade. Durch das Mysterium von Bruch und Aufbruch hindurch vollzieht sich die neue Gestalt von Kirche.

   
 
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